Sugar-Cane-Decaf – wie Kaffee mit Zuckerrohr entkoffeiniert wird

Von Leon Veit · 2026-09-20 · 8 Min. Lesezeit

Rohe, grüne Kaffeebohnen in einer Hand
Entkoffeiniert wird immer die rohe, grüne Bohne – lange bevor sie in die Rösterei kommt.

Entkoffeinierter Kaffee hatte lange einen schlechten Ruf, und ehrlich gesagt zu Recht: flach, holzig, ein bisschen nach Pappe. Das lag selten an der Idee, sondern an der Umsetzung – an billigen Bohnen und an Verfahren, die mit dem Koffein auch den Geschmack aus der Bohne holen. Der Sugar-Cane-Prozess ist der Grund, warum das heute anders ist. Er ist die Methode hinter allen entkoffeinierten Kaffees, die wir aktuell im Sortiment haben, und dieser Artikel erklärt einmal in Ruhe, was da eigentlich passiert.

Kurz gesagt: Was ist Sugar Cane Decaf?

Sugar Cane Decaf (auch E.A. Decaf oder Natural Decaf) ist Kaffee, der mit Ethylacetat entkoffeiniert wurde – einem Lösungsmittel, das aus fermentiertem Zuckerrohr gewonnen wird. Ethylacetat kommt auch von Natur aus in reifen Früchten vor, etwa in Bananen, Äpfeln und Trauben. Das Verfahren entfernt rund 97 Prozent des Koffeins und gilt als besonders schonend, weil es mit niedrigen Temperaturen arbeitet und die Zellstruktur der Bohne weitgehend erhält. Deshalb behalten Sugar-Cane-Decafs mehr Süße, Körper und Herkunftscharakter als viele andere entkoffeinierte Kaffees.

Rund 97 Prozent des Koffeins werden dem Rohkaffee entzogen. In Europa darf entkoffeinierter Röstkaffee höchstens 0,1 Prozent Restkoffein enthalten – eine Tasse Decaf enthält damit nur noch wenige Milligramm statt 80 bis 100.

Wo das Verfahren herkommt

Fast alle Sugar-Cane-Decafs der Welt entstehen an einem Ort: bei Descafecol in Manizales, Kolumbien, mitten in der Kaffeeregion. Die Anlage arbeitet seit 1988 und ist die einzige Entkoffeinierungsanlage des Landes. Das Zuckerrohr für das Ethylacetat stammt aus dem Valle del Cauca, das Wasser aus den Bergen rund um den Vulkan Nevado del Ruiz. Für kolumbianische Kaffees hat das einen schönen Nebeneffekt: Die Bohne muss für die Entkoffeinierung nicht um die halbe Welt reisen, sondern bleibt in ihrer Region – Anbau, Aufbereitung und Entkoffeinierung passieren im selben Land.

Genau deshalb sind die meisten Sugar-Cane-Decafs kolumbianisch. Kaffees aus anderen Ländern werden dafür als Rohkaffee nach Kolumbien geschickt, was selten passiert. Ein Decaf aus Peru oder Äthiopien ist deshalb meist mit Wasser oder CO₂ entkoffeiniert.

So funktioniert der Sugar-Cane-Prozess – Schritt für Schritt

Der gesamte Prozess dauert etwa acht Stunden und läuft immer an der rohen, grünen Bohne ab. Geröstet wird erst danach – bei der Rösterei, die den Kaffee später verkauft.

Dampf. Die grünen Bohnen werden rund 30 Minuten bei niedrigem Druck bedampft. Dabei quellen sie leicht auf und ihre Zellstruktur öffnet sich – das Koffein wird für den nächsten Schritt zugänglich.

Zuckerrohr-Bad. Die Bohnen kommen in eine Lösung aus Wasser und Ethylacetat. Das Ethylacetat bindet sich selektiv an die Koffeinmoleküle und löst sie aus der Bohne. Die Aromastoffe bleiben weitgehend, wo sie sind.

Spülen und wiederholen. Die Lösung wird abgelassen, das Koffein abgetrennt, frische Lösung kommt hinzu. Das wiederholt sich mehrere Male, bis der Zielwert erreicht ist – rund 97 Prozent des Koffeins sind dann entfernt.

Trocknen. Ein letzter Dampfstoß entfernt Reste des Lösungsmittels. Dann werden die Bohnen im Vakuum schonend auf 10 bis 12 Prozent Feuchtigkeit getrocknet, gekühlt und poliert. Übrig bleiben höchstens 20 ppm Ethylacetat – zum Vergleich: Eine reife Banane enthält von Natur aus etwa das Zehnfache.

Rösten. Der entkoffeinierte Rohkaffee geht an die Rösterei. Weil die Bohne weniger Feuchtigkeit und eine leicht veränderte Struktur hat, röstet ein Decaf etwas anders – gute Röster fahren dafür eigene Profile.

Wie viel Koffein bleibt übrig?

Rund 97 Prozent des Koffeins werden entfernt, Descafecol selbst gibt bis zu 99,7 Prozent an. Gesetzlich gilt in der EU: Entkoffeinierter Röstkaffee darf höchstens 0,1 Prozent Koffein enthalten. In der Tasse heißt das: Ein normaler Espresso liegt grob bei 60 bis 80 Milligramm Koffein, eine Tasse Filterkaffee bei 80 bis 100. Ein Decaf kommt auf etwa zwei bis fünf Milligramm – ungefähr so viel wie ein kleines Stück Zartbitterschokolade. Für die meisten Menschen ist das auch abends kein Problem.

Sugar Cane im Vergleich zu Swiss Water, CO₂ und Dichlormethan

Alle vier gängigen Verfahren funktionieren an der grünen Bohne und unterscheiden sich vor allem darin, womit das Koffein gelöst wird – und wie viel Geschmack dabei auf der Strecke bleibt.

  • Sugar Cane (Ethylacetat) | Lösungsmittel aus Zuckerrohr · Kolumbien | 4,5 | ca. 97 %
  • Swiss Water | Nur Wasser und Aktivkohle · Kanada | 4 | 99,9 %
  • CO₂-Verfahren | Kohlendioxid unter Druck · Deutschland | 3,5 | 97–99 %
  • Dichlormethan | Synthetisches Lösungsmittel | 2,5 | 96–97 %

Aromaerhalt ist unsere Einschätzung aus dem Verkosten, keine Messgröße – die Koffeinwerte stammen von den Anlagenbetreibern.

Swiss Water arbeitet komplett ohne Lösungsmittel: Die Bohnen geben ihr Koffein an Wasser ab, das durch Aktivkohlefilter läuft. Sehr sauber, aber der Prozess ist teuer und die lange Zeit im Wasser kostet oft etwas Süße und Körper. CO₂ löst das Koffein mit Kohlendioxid unter hohem Druck – technisch aufwendig, deshalb vor allem bei großen Mengen wirtschaftlich. Dichlormethan ist das klassische Industrieverfahren; die Rückstände sind winzig und unbedenklich, geschmacklich ist es aber die schwächste Methode. Sugar Cane liegt bei der Koffeinentfernung leicht unter Swiss Water, dafür bleibt in der Tasse am meisten vom ursprünglichen Kaffee übrig. Für uns ist das der entscheidende Punkt: Wer Decaf trinkt, will Kaffee – nicht die Abwesenheit von Koffein.

Wie schmeckt Sugar Cane Decaf?

Typisch sind Süße, ein runder Körper und eine weiche Säure. Schokolade, Karamell, Nuss und Zuckerrohr tauchen in fast jeder Beschreibung auf, dazu je nach Kaffee reife Frucht oder eine leichte Citrusnote. Was fehlt, ist die Bitterkeit, die viele mit Decaf verbinden – die kam bei den alten Verfahren vor allem von minderwertigen Bohnen, die man „ja eh nicht mehr schmeckt". Ein Sugar-Cane-Decaf aus einem guten Lot ist im Blindverkosten von einem koffeinhaltigen Kaffee kaum zu unterscheiden. Ein Röster hat uns zu einem unserer Decafs geschrieben, er halte ihn für einen der besten entkoffeinierten Kaffees der Welt – und wir haben ihn genau deshalb ins Sortiment genommen.

Für wen sich Decaf lohnt

Für den Espresso nach dem Abendessen. Für die dritte Tasse am Nachmittag, wenn die ersten beiden schon gereicht haben. In der Schwangerschaft, bei empfindlichem Magen oder wenn Koffein aus anderen Gründen nicht passt. Und – das unterschätzen viele – als Kaffee, den man mischt: eine Hälfte Decaf, eine Hälfte normal, und der Koffeingehalt halbiert sich, ohne dass der Espresso anders schmeckt.

Unsere entkoffeinierten Kaffees

Unser Decaf-Sortiment ist bewusst klein. Wir nehmen nur Kaffees auf, die wir auch mit Koffein verkaufen würden – und die mit dem Sugar-Cane-Verfahren oder einem vergleichbar schonenden Prozess entkoffeiniert wurden. Die Liste unten kommt direkt aus dem Shop und ist immer aktuell.

Alle Decafs funktionieren als Espresso im Siebträger genauso wie im Handfilter, in der AeroPress oder in der Moka. Ein Startpunkt, der bei beiden zuverlässig klappt: 18 Gramm rein, 40 Gramm raus, 26 bis 30 Sekunden, 93 Grad. Wenn der Decaf dünn oder sauer wirkt, feiner mahlen; wenn er bitter oder trocken schmeckt, gröber.

Häufige Fragen zu Sugar Cane Decaf

Ist Sugar Cane Decaf gesund beziehungsweise unbedenklich?

Ja. Ethylacetat ist ein natürlicher Bestandteil vieler Früchte und wird beim Trocknen und Rösten fast vollständig entfernt – der Grenzwert liegt bei 20 ppm im Rohkaffee, eine reife Banane enthält von Natur aus etwa 200 ppm. Nach dem Rösten ist praktisch nichts mehr nachweisbar.

Ist Sugar Cane Decaf komplett koffeinfrei?

Nein, kein Decaf ist zu 100 Prozent koffeinfrei. Rund 97 Prozent des Koffeins werden entfernt, in der EU darf entkoffeinierter Kaffee höchstens 0,1 Prozent Koffein enthalten. In der Tasse sind das wenige Milligramm – ein normaler Espresso hat rund 20- bis 30-mal so viel.

Warum sind fast alle Sugar Cane Decafs aus Kolumbien?

Weil die Anlage, die das Ethylacetat aus Zuckerrohr gewinnt und den Kaffee damit entkoffeiniert, in Manizales in Kolumbien steht. Kolumbianische Kaffees können dort direkt entkoffeiniert werden, ohne das Land zu verlassen. Bohnen aus anderen Ländern müssten erst dorthin verschifft werden, was selten gemacht wird.

Ist Sugar Cane Decaf besser als Swiss Water?

Kommt darauf an, was einem wichtiger ist. Swiss Water entfernt mit 99,9 Prozent etwas mehr Koffein und arbeitet ganz ohne Lösungsmittel. Sugar Cane erhält dafür in der Regel mehr Süße, Körper und Herkunftscharakter – und ist günstiger. Geschmacklich bevorzugen wir Sugar Cane, deshalb setzen wir im Sortiment darauf.

Kann ich Decaf im Vollautomaten oder als Espresso verwenden?

Ja, uneingeschränkt. Sugar-Cane-Decafs sind meist mittel geröstet und eignen sich für Siebträger, Vollautomat, Handfilter, AeroPress und Moka. Im Vollautomaten hilft es, den Mahlgrad einen Schritt feiner zu stellen, weil entkoffeinierte Bohnen etwas poröser sind.

Wie lange ist entkoffeinierter Kaffee haltbar?

Genauso lange wie normaler Röstkaffee: ungeöffnet mehrere Monate, geöffnet am besten innerhalb von vier bis sechs Wochen aufbrauchen. Kühl, trocken und dunkel lagern – nicht im Kühlschrank.